Pia Piaggio blickt Mathe

Die bevorstehenden Weihnachtstage und die ruhige Zeit vor dem Jahreswechsel kann man auf vielfältige Weise verleben. Man kann sie verschlafen, verbummeln, verschoppen, verträumen, vernaschen oder versaufen. Sicher, man kann sie auch verbringen, zum Beispiel mit einem Bummel über den Weihnachtsmarkt, einem Trip ins Skivergnügen oder dem Besuch einer schönen Ausstellung. Bei Letzterem kann sich Lehrreiches durchaus sehenswert gestalten, wie der folgende Text über die aktuelle Ausstellung der LifeArt Gallery beweist.

Das Wissenschaftsjahr

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Alle Jahre wieder benennt das Bundesministerium für Forschung und Wissenschaft eine Disziplin, auf deren Förderung es sein besonderes Augenmerk lenkt. Das Jahr 2008 stand unter dem Motto: „Mathematik – Alles, was zählt“ . In diesem Zusammenhang wurden zahlreiche geförderte Projekte, Kongresse und Symposien zwecks Verbreitung dieser Wissenschaft auf Weg gebracht. Zufall oder Berechnung, dass ausgerechnet diese Jahreszahl den weltweiten Zahlenkollaps markiert? Mathematisch darstellen lassen sich Begriffe wie Rezession, Inflation oder Kurseinbruch jedenfalls allemal, ja sogar hinreichend, und dies nicht nur über Gleichungen, Tabellen oder Diagramme.

Das Projekt IMAGINARY

Das Mathematische Forschungsinstitut Oberwolfach konzipierte ein interaktives Ausstellungskonzept mit dem Ziel, Geometrie sichtbar und Mathematik erlebbar zu machen. Präsentiert werden nicht nur Formeln und Gleichungen, sondern vielmehr deren Visualisierungen in Form von Bildern, Installationen, 3D-Objekten oder sogar begehbaren virtuellen Welten. Dabei entstehen faszinierende Bildeindrücke. Sie bestechen durch ihre perfekten Formen und vermitteln eine ruhige Ausgeglichenheit dank ihres rein logischen Ursprungs.

Durch die Bundesrepublik ins Second Life

IMAGINARY wurde als Wander-Ausstellung konzipiert, besonders deshalb, um möglichst vielen SchülerInnen ein ganz neues Bild dieses Unterrichtsfaches zu vermitteln. Sie begann ihren Weg im Dezember 2007 in München und pilgerte dann quer durch die Bundesrepublik, um die Reise nun, ein Jahr später, in Köln mit einer Finissage zu beschließen. Wer nicht das Glück hatte, dieser aufschlussreichen Ausstellung im Reallife zu begegnen, kann dies nun im Second Life nachholen. Vom 14. Dezember 2008 bis zum 01. Februar 2009 wird ein Teil der Exponate in der LifeArt Gallery auf Finis Terrae gezeigt. Zu verdanken ist dies der engagierten Kuratorin BeaCara Boa, die darauf spezialisiert ist, Ausstellungsprojekte aus dem Reallife ins Virtuelle umzusetzen.

Math Art

Parallel zu den Exponaten von IMAGINARY präsentiert die Galeristin BeaCara eine kleine Retrospektive des Künstlers Seifert Surface, der sich schon seit 2005 im Grid tummelt. Von daher können seine kontinuierlich entstandenen Second-Life-Werke tatsächlich eine sichtbare Entwicklung aufzeigen. Sein SL-Name bezeichnet übrigens eine Oberfläche, deren Grenzen einen Knoten oder ein Bindeglied darstellen. Und so kann es kaum verwundern, dass ihn das Möbius Band zu einem revolutionären virtuellen Hausentwurf inspirierte. Im Reallife heißt er Henry Segerman und ist Mathematiker an der Universität in Austin, Texas.

„Ein Typ, der sich seinen Namen nach einer mathematischen Entdeckung aussucht. Eine Ausstellung, wo abstrakte Formeln zu bewegenden Bildern mutieren. Sonst noch was, liebe Stephy?“, fragt Pia Piaggio leicht provokant. „Es gibt ja wohl nichts Schlimmeres als Mathematik, hast du das nicht selbst immer gesagt? Und jetzt willst du mich vom Weihnachtsmarkt weg zu so ´ner drögen Ausstellung locken. Vergiss es“, faucht sie und nippt an ihrem duftenden Glühwein. Aber ich fackel heute nicht lange.


Eduversa

Noch ehe sie schlucken kann, hängt sie bereits im Teleportfilter und purzelt gleich darauf in die Willkommenszone von eduversa respektive Finis Terrae . „Du hättest mich ja wenigstens noch kurz austrinken lassen können“, motzt sie sich und schaut sich um. „Na klar, und wieder geht es um Bildung. Manchmal meine ich fast, du hast so eine Art Komplex und musst dir zwanghaft alles mögliche an Wissen aneignen“, zetert sie und ich werde langsam fuchtig. Ich und einen Bildungskomplex? Die hat sie doch nicht mehr alle, also bitteschön.


Finis Terrae

Immerhin steht eduversa in enger Verbindung mit Finis Terrae. Wie das jetzt genau verwoben ist, habe ich noch nicht ganz klar bekommen können, aber Tatsache ist, Finis Terrae baut weniger auf Bildung, als auf Fantasy-Fun. „Na yeah, dann lass uns halt dahin abmachen“, schlägt Pia vor. Aber nein. Wir gehen jetzt auf die Vernissage und sonst nirgendswohin. „Phhh…“, macht Pia und tippelt los.


Vernissage

„Hier entlang, Pia“, ruft BeaCara, die ihre Gäste höchstpersönlich abholt. „Der Teleport ist heute etwas ungenau – liegt vielleicht an der Zahlenlast, keine Ahnung“, entschuldigt sie sich und schickt Pia über die Rasenfläche in Richtung Ausstellung.


Ausstellung

Schon primt sich die LifeArt Gallery aus dem Grid-Ozean und taucht in ihrer gesamten Frontalansicht auf. Da leuchten Pia Piaggios Äuglein dann doch. „Dort scheint es eine Menge bunter Bilder zu geben“, freut sie sich. Exakt, Pia, sag ich doch.


Meisterbild

Erwartungsvoll umkreist sie zunächst mal die Außenwände der Galerie. „Was ist denn das für ein alter Ölschinken?“, fragt Pia mit klarer lauter Stimme und ich schaue mich ängstlich um. Weia, Pia, das ist die Sixtinische Madonna vom meisterlichen Raffael! „Du meinst wohl Sextinische Madonna“, trompetet sie und jetzt wird’s echt peinlich. Halt den Rand und konzentriere dich mal lieber auf die Kreuze, ähh, Linien im Bild.


Schau hin

Sie tritt ein bisschen näher an die transparenten Schaubilder heran und visiert sie mit einem Adlerblick. „Diese roten Striche bilden rechteckige Flächen. Das nennt man den Goldenen Schnitt einer Bildkomposition“, erklärt sie dann. „Entdeckt hat das schon vor Urzeiten ein Euclid.“ Nein, nicht ein Euclid, sondern der Euklid oder auch Euclides. „Na ja gut, dann eben der Euklid. War sicher ein der Theorie sehr zugeneigter Künstler“, vermutet sie. Aber auch falsch, denn der Mann war in erster Linie Mathematiker. „Aha“, kommentiert Pia dies betont unberührt.


Zahlentheorie

Und das hier geht sogar noch einen Schritt weiter. Aus der Zahlentheorie von Leonardo Fibonacci entsteht bei der geometrischen Darstellung eine bezaubernd schöne Form inklusive Textur, die uns aus der Natur als Schneckenhaus bekannt ist. „Hmmmm“, macht Pia, und ich glaube, so langsam beginnt sie das Thema einzunehmen.


Lifeart

„Na dann lass uns mal schauen, was diese Vernissage hier hergibt“, zwitschert sie recht wohlgelaunt und schlendert auf den Eingang zu.


Temple Keys

Durch ein übergroßes Schlüsselloch betritt sie den „Tempel of Keys“ vom dänischen Künstler Binary Quandry. Würde sie sich jetzt ein wenig Zeit nehmen und in der angebotenen Denkerpose von Rodin verweilen, dann könnte sie eine Art Matrix-Kick erleben; eintauchen in einen Raum, wo ihr eigener binärer Code mit null und eins ausgelesen würde.


Kataloge

Statt dessen zockelt sie in ihrem nagelneuen Felljäckchen direkt auf die Freebies zu, die am Eingang angeboten werden. Es sind die Kataloge zu den beiden Ausstellungen in Form eines kostenlosen THINC-Books. „Prima!“, findet Pia das und kopiert sich die Ausgaben in ihr Inventar.


Besucher

Um BeaCara herum sind schon einige Kunst- und/oder Matheinteressierte versammelt. Alle warten auf ND Paneer, der die virtuelle IMAGINARY offiziell eröffnen wird.


Galeristin

„Wir müssen uns wohl noch einen Moment gedulden. ND steckt in einem ganz realen Stau fest. Eine unbekannte Größe, sozusagen, die seinen Terminplan zerschießt ;-)“, erklärt die hübsche BeaCara ihren Gästen.


Imaginary

Pia Piaggio nutzt diesen Aufschub um sich schon mal ein wenig umzusehen. Im gesamten Erdgeschoss sind Bilder der IMAGINARY ausgestellt. Die Innenseiten der Stellwände zeigen einzelne Objekte, die aus bestimmten Formeln entstehen, wenn man sie dreidimensional darstellt und Farbe als Gestaltungsmittel einsetzt.


Weihnachtsstern

„Das hier sieht aus wie ein flüssiger Weihnachtsstern“, findet Pia und beginnt, den Text daneben aufmerksam zu lesen. „Also, die Formel besagt wohl, das Ganze ist so groß wie die Potenz der drei Dimensionen xyz plus C, wenn man ihre Addition untereinander dann auch noch multipliziert. Ist ja völlig logisch“, fügt sie gelassen hinzu. Dabei wette ich, die Pia hat genauso viel davon verstanden, wie ich. Nämlich gar nix. Aber die Gute plappert unermüdlich weiter. „So, und diese flüssigen Weihnachtssterne gibt es nur mit vier, sechs, acht, zwölf oder zwanzig Spitzen. Anders rechnet es sich nicht“, zitiert sie den Autor des Begleittextes, der für sie offenbar nicht mehr als den Produzenten dieser herrlichen flüssigen Weihnachtssterne darstellt.


Calypso

Die Bildkreation Calypso hingegen erinnert sie an einen umgestülpten mondänen Fernsehsessel, in dem man sicher gut abchillen kann, wie sie mutmaßt. Dabei geht es in Wahrheit um eine Ebene, die zu einer Hyperbel mutiert. Aber gut, das hier ist schließlich eine Kunstausstellung und Pia soll auf jeden Fall ihren Spaß haben und ihren eigenen Bildassoziationen freien Lauf lassen. Eine Sache hat sie allerdings noch nicht ganz begriffen. Sie fragt leise, sodass es niemand außer mir hören kann: „Sag mal, jetzt mal ganz praktisch gesehen, tun sich da ein Maler und ein Mathematiker zusammen; der eine malt, was der andere rechnet?“ Ja, so ungefähr, aber sehr viel moderner. Diese Bilder sind mit der SURFER Software entstanden, die quasi den digitalen Maler dabei spielt. „Aha“, antwortet Pia und lässt offen, ob sie das nun verstanden hat oder nicht.


Gesetze

Auf den Außenseiten der Stellwände widmen sich die bildlichen Darstellungen nicht mehr einer simplen Formel, sondern komplexen mathematischen Gesetzen wie zum Beispiel dem Wada Bereich oder der Björling Fläche.


Bjoerling

„Und das ist alles Mathematik?“, staunt Pia nun doch. „Das sind doch ganze Environments, die sich aus den Zahlen ergeben, oder wollen die uns hier beschwindeln?“, wundert sie sich. Mitnichten, Pia, das ist keine Schwindelei. „Dann kann man ja mit Zahlen alles darstellen“, schlussfolgert sie überraschend scharfsinnig. Ich setze noch einen drauf und konfrontiere sie mit der These, dass andersherum alles aus Zahlen besteht. Sie stutzt einen Moment. „Meinst du echt? Sind wir und alles um uns herum im Grunde ein einziger Zahlenhaufen?“ Tja, wenn man das hier so betrachtet, könnte das schon hinkommen, auch wenn man diese Erkenntnis nicht so einfach in eine Handvoll Worte packen kann.


Stau

Derweil meldet sich BeaCara wieder zu Wort. Man wolle nun nicht länger warten und so würde eben Case Schnabel das offizielle Opening übernehmen.

“Ladies and Gemtlemen, first of all a very warm welcome to the Commonwealth of Finis Terrae, our beautiful spot at the end of the world. We are very happy to have you here, and we are absolutely proud of having the opportunity to host such an exclusive event.

As seen here in the exhibition, *abstract numbers can reveal an amazing beauty, if you convert them in a meaningful way. And also stories or fairy tales will disclose new meaning and beauty, if converted to landscape, buildings and objects, as we strive to do here in Finis Terrae.

So we think that IMAGINARY and the works of Seifert Surface have found a good place here in Finis Terrae, and we wish you all the best for your time here. Thank you very much for coming here tonight, and again a friendly welcome! Thank you!“,

hält Case seine kurze Rede.


Opening

„Die Arbeiten von Seifert Surface findet ihr auf den Dachterrassen“, fügt BeaCara hinzu und schlägt dann eine gemeinsame Tour vor. „Seifert Surface steht euch persönlich für Fragen oder Anregungen zu Verfügung“, verspricht sie noch und zeigt auf den Künstler, der in der Realität vor seinem Rechner im weit entfernten Texas sitzt.


Seifert

Sein Avatar ist eine nahezu perfekte Kopie des Konterfeis Henry Segermans. „Schau mal, ich glaube, der Seifert hat sich selbst errechnet“, kommentiert Pia meinen ersten Eindruck. „Verdammt schlau sieht er aus“, findet sie und ich nicke. „Na, dann wollen wir doch mal seine Werke anschauen.“ In ihrer Stimme schwingt dabei ein leicht ironischer Unterton, was ich mir aber vielleicht auch nur einbilde, weil sie schon die ganze Zeit so garstig daherkommt.


Segerman

Ein Aufsteller gibt eine Kurzinfo zum Künstler, wie sie informativer, präziser und knapper nicht hätte sein können. „Cool“, findet Pia die Ausstellungsdidaktik, deren beschwingende Klarheit sich aus dem Erdgeschoss auf der luftigen Dachterrasse fortsetzt. „Dieser Seifert, der hat auch ´ne eigene Sim. xyz heißt die und da gibt es wohl einen Sculpture Garden mit lauter Experimenten“, flötet Pia nun wie verzaubert.


Dreidimensional

Seifert Surface arbeitet ausschließlich dreidimensional. Auf den Schautafeln gibt er kurze Erklärungen zu seinen Objekten ab.


Fotos

„Seifert könnte auch Fotograf sein“, äußert Pia, nachdem sie die Bildersäule einmal umschlichen hat. „Die Fotos seiner Arbeiten sind ausgesprochen stimmungsvoll, wie ich finde“, spricht sie und tritt noch einen Schritt zurück, um sich der vollen Bildwirkung hinzugeben. „Lass uns mal hoch zu den Skulpturen fliegen“, drängelt sie dann.


Fraktal

Mit der Kamera zoomt sie die Werke aus allen erdenklichen Perspektiven heran. „Das hier hat irgendwas mit der Fraktalen zu tun“, klärt sie mich auf. „Es heißt „Negative Curvature Fractal 4.“ Schon 2005 entstanden.“ Soso, eine sehr runde Sache, diese Arbeit.


Vibration

„Und das hier ist „Hopf Vibration“, eine Art mathematisches Phänomen“, ereifert sie sich und kriecht mit der Kamera durch die Skulptur aus bunten rund geformten Stäben.


xyz

„Und das hier, diese fast schon architektonische Fläche, das ist „z = xy“. Kannst du dich noch erinnern?“, scherzt sie und ich spare mir eine Reaktion darauf. „Ich bin wirklich froh über die tollen Ausstellungskataloge von BeaCara. Da kann ich noch mal in Ruhe alles nachlesen. Ist ja doch ganz schön viel Zahlenwerk auf einen Haufen.“ Sie lächelt mich verschmitzt an und schlägt vor: „Komm, lass uns mal die Kataloge rezzen!“ Oh ja, da bin auch ich wirklich neugierig drauf. Also teleportiere ich Pia in einen öffentlichen Sandkasten, um die Bücher sozusagen auszupacken.


lesen

Zum Glück liegt in diesem Sandkasten gerade Schnee – Pia jauchzt auf vor Freude und hockt sich mitten in das pulverige Weiss. Andächtig schlägt sie den Katalog auf.


Anderer Blick

Mit den Augen der Pia Piaggio blicke ich nun auf die Mathematik und ich muss sagen, meine Beziehung dazu hat sich plötzlich ganz schön verändert. Ich nehme mir vor, mit diesem SURFER mal etwas herumzuexperimentieren und kann Pia dann vielleicht mit eigenen Formel-Bildern überraschen. „Yeah“, meint sie dazu, „wer weiß schon, was das Neue Jahr alles bringen wird.“

Falls Ihr in diesem Streifzug von Pia Piaggio das weihnachtliche Element schmerzlich vermisst habt, hier noch ein kleines Trostpflästerchen: Schaut doch mal in den Adventskalender von IMAGINARY. Er ist interaktiv gestaltet und ermuntert zu den ersten rein logischen Bildversuchen. Wer dafür ein Händchen hat, kann gleich noch einen Gewinn beim täglichen Motivwettbewerb einstreichen.

Euch allen möchte ich aka Pia Piaggio ein fröhliches Weihnachtsfest wünschen. In Zeiten der weltweiten Krise sollten wir an einer Sache NICHT sparen: An den Lichtlein, die wir an diesem Tag entzünden, um die Welt ein wenig heller zu gestalten. In diesem Sinne ebenfalls einen guten Rutsch und nur das Beste für 2009 ;-)

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