Pia Piaggio im Kunstrausch


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In der öffentlichen Diskussion prasselt es wieder mal heftig. Das Internet wird richtig schön kontrovers diskutiert und nicht selten schmeißt man dabei einfach alles in einen Topf. Das Web 2.0 verkocht mit einer Prise Web 3D zu einer Suppe, die man entweder mag oder ausspuckt, so scheint es zumindest. Genaue Differenzierungen dieser zwei Webdomänen bei der Berichterstattung sind im Prinzip noch gar nicht notwendig, denn es reicht schon online zu sein, um im Strudel des digitalen Seins – ja, was, unterzugehen oder aufzusteigen? Angeheizt wurde das aktuelle Gefecht unter anderem vom Spiegel-Titel: „Macht Das Internet Doof ?“. Unter dieser zumindest provokanten, wenn nicht gar unsinnigen Headline kommen Feinde wie Freunde des Sujets zu Worte. So gegensätzlich ihre Meinungen dazu auch sind, eines eint sie alle: Alle sind sie sogenannte User dieser postmodernen Kommunikationstechnik, ganz nach dem Motto: „Und wenn es doof macht, ist’s auch wurscht“. Immerhin kann das Internet Wachstumszahlen vorlegen, von denen jede andere Branche träumt. 1,4 Milliarden Menschen tummeln sich dort schon, nutzen es für ihren Alltag oder die Freizeit. Das sind immerhin 1,2 Milliarden mehr als vor gerade mal 10 Jahren.

Die wenigsten davon bewegen sich jedoch mit ihrem Avatar in einer 3D-Welt. Gerne werden diese Metaversen derzeit angefeindet, wie Anfang de 90-er Jahre das www. Unkenntnis macht eben Angst, das ist in virtuellen Welten genau so wie im Reallife. Manche Berufsgruppen blocken da mehr als andere und tun sich schwer, mit den neuen Möglichkeiten zu experimentieren. Schrägerweise sind es auch gerne die Intellektuellen und die Künstler, die sich nur zögerlich auf alles Neue einlassen. Aber es gibt da Positives zu vermelden: Die Anzahl der neu eröffneten Galerien im Second Life ist seit Jahresbeginn steil geklettert und hat im August die tausendprozentige Steigerungsmarke überschritten.

Der virtuelle Kunstmarkt scheint zu boomen. Kunstgier und Sammlerleidenschaft erwachsen aus dem einstigen kulturellen Brachland des Grids. Es werden Gemeinschaftsausstellungen organisiert, Galerierouten geplant und Festivals veranstaltet. Auch die ersten Fördergelder werden schon vergeben. Höchste Zeit also für Pia Piaggio, sich diese ganze Szene einmal anzuschauen.

„Ist da überall Grid-Kunst zu sehen?“, fragt sie staunend, als ich ihr die Liste der Galerien öffne. Ja, denke schon. Lassen wir die Frage zunächst einmal offen, was genau Grid-Kunst denn nun ist. „Können wir nicht erst mal mit einem Museum anfangen?“, schlägt Pia vor. Gar nicht so unhelle, die Kleine, das würde zumindest einen ersten Überblick schaffen. Okay, Pia. Aber ihr Gesicht wird wieder lang, als ich ihr die Auflistung der Museen unter die Nase halte. 252 Einträge gibt es dort. „Wie soll ich mich denn da entscheiden?“, jammert sie ratlos.


Museen

Also einfach ist das beileibe nicht. Sicherlich eine halbe Stunde blättern wir die Angebote vor und zurück. „Unglaublich, was man alles ausstellen kann“, findet Pia. Ja, warum nicht, wenn es doch virtuell so einfach geht. Viele Museen fallen thematisch aus, weil Pia Piaggio sich „metaversale Kunst“ anschauen will, wie sie es nennt. Keine Ahnung, ob es diesen Ausdruck gibt, aber sie redet andauernd davon. Schließlich entscheidet sie sich. “Museo del Metaverso“ , das ist es, Stephy. Da will ich hin!“


Metaverso

Mein Herz macht einen kleinen Sprung, weil ich zuerst denke, es geht nach Spanien. Jedoch ist es ein italienisches Projekt. „Wow, ist das eine abgefahrene Architektur!“, ruft Pia verzückt, als alles fix und fertig geprimt ist.


Architektur

Das Glasgebäude windet sich mehrstöckig gen Gridhimmel und bildet dabei allerlei luftige Ausstellungszonen aus. Bilder, Objekte und Installationen zieren die Glasböden; laden zu einem Lustwandel durch die Kunst des Metaversums ein.


Rinascimento

„Diese Arbeit ist aus Tausenden von Einzelbildern zusammengesetzt“, informiert mich Pia begeistert. Sie steht ganz dicht davor und schaut sich die Technik sehr genau an. Auf einem Textbalken oberhalb des Bildes wird auf das Reallife-Spektakel „Rinascimento virtuale“ verwiesen, das ab Oktober in Florenz stattfinden wird. „Schade, da kann ich nicht hin“, mosert Pia. Na, ich wohl auch nicht. Aber egal, schauen wir uns doch lieber hier um.


luftig

Der Gang durch die Ausstellung birgt manche Tücke in sich. In schwindelerregender Höhe muss sich Pia schmale Rampen, offene Treppen oder Glasaufgänge hinaufhangeln. Ein falscher Schritt und sie segelt hinab in das funkelnde Gridwasser. „Dass die hier kein gescheites Telportsystem anbieten“, murmelt sie verdrossen.


Tafelbilder

Schnell jedoch erkennt sie die Vorteile des teleportlosen Rundgangs: Er führt sie vorbei an allen Exponaten dieses luftigen Ausstellungsbetriebs. Belohnt wird ihre Kraxelei mit jeder Menge Grid-Kunst. „Eine unerhört plastische Wirkung haben diese Malereien“, kommentiert Pia die Tafelbilder von Gerolamo Boa, vor denen sie angelangt ist. Okay, aber was ist daran metaversal, Pia? Keine Antwort.


Gardiner Korun

Da scheinen mir die Skulpturen von Gardiner Korun doch deutlich metaversaler, schweben sie immerhin als Stern oder Würfel einfach in der Atmosphäre, als seien sie mit Siemens-Lufthaken verankert. „Uuuppss…“, ruft Pia und verschwindet aus meinem Sichtfeld.


Gianky Lindman

Sie hat zu spät erkannt, dass der Glasboden einfach endet, und ist eine Etage nach unten geplumpst. Dort landet sie genau vor den Arbeiten von Gianky Lindman, der oder die seine/ihre Werke in einem geschwärzten Raum präsentiert.


Pia kraxelt

„Mist, jetzt muss ich alles wieder hochkraxeln“, flucht Pia und macht sich auf den Weg.


Katia Kirax

Eine Weile verharrt sie vor dem überdimensionalen Rahmen von Katia Kirax, in dem alle paar Minuten ein anderes Bild erscheint. „Frauenbilder im Wechselrahmen“, fachsimpelt Pia. So gesehen. Jedenfalls spart es enorm an Ausstellungsfläche, wenn in einem einzigen Rahmen zig verschiedene Bilder gezeigt werden können, wie eine Art Dia-Show.


Frieda Korda

Frieda Korda wählt diese variable Präsentationsform allerdings nicht für ihre Frauenbilder. „Es ist das Zusammenspiel der verschiedenen ausgewählten Motive, was den Reiz ausmacht“, erklärt Pia Piaggio, als sei sie zur fachkundigen Museumsführerin avanciert.


Akim Alonzo

Akim Alonzo hat ein ähnliches Konzept. Er zeigt seine ausgewählten 12 Avinnen als Einzelbilder, lässt dabei jedoch jedes für sich selbst sprechen“, erläutert sie weiter. Dann: „Weibliche Avatare scheinen ein beliebtes metaversales Motiv zu sein.“


No Name

Scheint ganz so. Der Künstler dieser Serie zeigt sie sogar in höchst erregten Moment der Freude und Verzückung. Aber ob diese Bilder nun gemalt, fotografiert oder gephotoshopt sind, lässt sich nicht herausfinden. „Das sind wenig metaversale Arbeiten“, meint Pia. „Sie entbehren sowohl technisch als auch in ihrer Aussage und Wirkung an Gridspezifischem.“ Aha. Pia Piaggio wird langsam konkreter. Ich kann mich nur wundern, wie ernsthaft sie heute ist.


Metaversal

Wenige Meter weiter wird sie endlich fündig. „Stell auf Mitternacht“, instruiert sie mich, „dann kommen die Objekte besser rüber!“ Das stimmt. Im Dunkeln wirkt diese sich drehende und funkelnde Skulptur nochmal so gut.


Josina Burgess

Schrill bunte geisterhafte Frauengestalten erleuchten aus der sie umgebenden Mitternachtsschwärze. „Diese geprimten Figurinen sind von Josina Burgess. Sie kosten 1.000 Linden$ pro Stück und machen sich sowohl im Garten, als auch auf dem Balkon ganz prima.“ Sie überlegt einen kurzen Moment. „Auf Wunsch sind sie mit einem An/Aus-Script versehen und geben dann eine trendige Lampe für jede Junggesellen-Wohnung ab“, flunkert sie und grinst mir dabei zu.


Sculpted Prims

Und dann wird es wirklich metaversal. Diese Objekte leuchten, kreisen und wechseln dabei ihre Farben. „Hier wird geschickt geprimt, wobei der Künstler die minimalistische Wirkung einfacher Formen bevorzugt“, doziert Pia vor sich hin.


Artistenduo

Genau genommen sind diese Sculpted Prims ein Gemeinschaftswerk von Nicolas Sack und Miky Canning.


Avarotik

Ein Künstlerduo übrigens, das sich an recht vielfältige Themen heranwagt und endlich auch mal Bilder vom männlichen Avatar zeigt. „Der tiefrote Ballrock entblößt das Unspektakuläre, um den Reiz des Verdeckten noch zu steigern“, meint Pia und so langsam wird sie mir wirklich suspekt.


Milla Milla Noel

„Milla Milla Noel nennt ihre hier ausgestellte Arbeitsreihe „Avatar Stills“. Sie konzentriert sich auf Körperausschnitte und zeigt aus irgendeinem Grund nie die ganze Avin. Auch hier wieder ein ganzer Pavillon von Frauenbildern“, schwafelt sie weiter.


Maryva Mayos

Eine halbe Etage höher kommen wir zum bewegten Bild. Maryva Mayos Motive stehen niemals still und ändern ihre Farben im Verlauf. Wie Nebelschwaden ziehen die transparenten Pastellflecken über das Bild.


Kicca Inlay

Anders das Aktgemälde in Kohle von Kicca Inlay, auf dem sich nichts tut mit der verlockenden Figur. Die Brüste und auch das Hüfttuch bleiben, wo sie sind.


Nessuno Myoo

„Das hier ist eine echte Nessuno Myoo Plastik“, klärt Pia mich auf und umkreist mit funkelnden Augen dieses perlmuttschimmernde Gebilde. „Ich glaube, es heißt „Frau in Muschel“.“ Aha. Glaube ich zwar nicht, aber ist ja auch egal.


Virtuelles Einhorn

Wieder muss ich auf Mitternacht stellen, damit Pia das virtuelle Einhorn von Myoo in seiner vollen Wirkung betrachten kann. „Ein erhabenes Tier“, findet sie. „Es mutet kubisch an“, und das ist für Pia Piaggio natürlich kolossal metaversal.


Flower Exonar

Sie ist nun auf der obersten Terrasse angekommen. Dort stellt Flower Exonar ihre springenden Lichtobjekte aus, die blitzartig ihre Form und Farbe verändern, als hätten sie ein geisterhaftes Eigenleben. „Fantastisch metaversal“, seufzt Pia und ich kann den Begriff jetzt langsam nicht mehr hören. Zu Recht fragt sich doch jede Leserin und jeder Leser, was das denn nun genau ist. „Erst kommt der Begriff, dann bringt die Zeit seine Definition“, wehrt Pia meinen Angriff lässig ab. Okay, aber trotzdem sollte man dieser Museumstour doch einige faktische Informationen entnehmen können. Was kosten diese Werke? Wie erwirbt man sie? Sind es Unikate?


Pia reportiert

Zwecks Beantwortung dieser Fragen besteht Pia Piaggio auf eine Kulisse, die sie wie eine Reporterin wirken lässt. Na schön, ich lasse sie von ganz oben auf den Strand hinuntersegeln und unterhalb des Museumskomplexes stehen. Dann legt sie los: „Metaversale Tafelbilder sind schon ab 500 Lindens zu haben. Objekte oder Skulpturen kosten zwischen zwei und dreitausend Lindens, manche Werke auch um die 10.000. DanCoyote Antonelli erlangt sogar bis zu 100.000 Linden$ für seine hyperformalistischen Arbeiten. Normalerweise erwirbt man durch den Kauf ein Exemplar von beliebig vielen Kopien des Werks, selten sind es limitierte Editionen oder sogar Einzelstücke. Der Erwerb funktioniert wie jeder Kauf im Second Life über den Befehl „buy“ und den üblichen Bezahlvorgang. Danach ist das Werk im eigenen Inventar zu finden.“ Pia schaut mich erwartungsvoll an. „War das gut, oder soll ich nochmal?“, fragt sie forsch. Nein, Pia, war gut. Bloß nicht nochmal. Wir wissen jetzt alle Bescheid über metaversale Kunst. Tausend Dank auch.

Trackbacks

  1. […] in künstlerischer Hinsicht dort aktuell passiert. Stephanie Posselt alias Pia Piaggio nimmt uns im SL Talk Blog mit auf eine Tour durch die Kunstwelt in SL und liefert nicht nur jede Menge Bilder, sondern auch […]

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