Interview mit Stephanie Posselt

Stephanie Posselt, Autorin, Spanien, Finca

Liebe Avameo Leser, heute möchten wir Euch eine ganz besondere und interessante Person vorstellen, die uns in Zukunft auch hier auf den Avameo begleiten wird. Es ist Stephanie Posselt. Besondere Aufmerksamkeit erweckte Stephanie bei Avameo, weil Sie eigentlich fern vom Medientrubel und dem Web.3D lebt und sich dennoch für das Medium interessiert.

Avameo:

Du hattest mich bereits im letzten Jahr mit einer bestimmten Faszination zu Second Life® angesprochen und sagtest mir, Du wolltest auf Avameo mit schreiben. Erzähl uns wie Du auf Second Life® gekommen bist? Und was mich natürlich auch interessiert ist, wie bist Du auf Avameo aufmerksam geworden?

Stephanie:

Über Second Life® hatte ich schon eine Menge gehört und gelesen. Ich beschäftige mich künstlerisch schon sehr lange mit dem Medium „Computer“ und finde viele Entwicklungen in diesem Bereich hoch interessant. Als ich von Philip Rosedales grandioser Verwirklichung seiner Idee eines „Metaversums“ hörte, hatte ich sofort Lust, mich da rein zu stürzen. Seit einiger Zeit widme ich mich dem Schreiben von Kurzgeschichten und habe im letzten Jahr mein erstes Buch geschrieben. In meiner Profession als Autorin war ich auf der Suche nach mehr Arbeit und googelte immer mal wieder zu diesem Thema herum. Irgendwann fand ich Deinen Eintrag. Du suchtest für Avameo Autoren und daraufhin habe ich Kontakt zu Dir aufgenommen. Vom Second Life® hatte ich da noch immer keine echte Vorstellung, hatte aber sofort Lust, mich in das Thema rein zu schreiben.

Avameo:

Wie heißt Dein Buch und um was geht es?

Stephanie:

Der Titel ist „Unter Blau“. Der junge Mann Scratch erzählt darin seine Geschichte, die ihn unverhofft von der Techno-Szene in Köln auf eine abgelegene Finca in Spanien führt. Er taucht ein in das mediterrane Lebensgefühl, findet Freunde in dem kleinen Fischerdorf und kommt in engen Kontakt mit der Natur. Dadurch findet er zu einem ganz neuen Selbstbild und entwickelt ungeahnte Perspektiven für sein Leben.

Stephanies Finca in Spanien mit Second Life®

Avameo:

Apropos Finca, Du hast in einem Vorgespräch bereits angedeutet, dass Du auf eine ganz besondere Weise lebst – zumindest für mich. Erzähl uns mehr von Dir. Wo und wie lebst Du ?

Stephanie:

Ein guter Freund beschrieb unsere Wohnlage einmal so: „…..ein Bauernhof mitten im Nichts…..“. Sein TomTom hatte versagt und er war leicht verärgert. In Wirklichkeit ist die Finca für spanische Verhältnisse recht zentral gelegen – es sind nur 6 km bis ins nächste Dorf, und es gibt sogar eine recht bequem befahrbare Strasse dorthin. Wir leben auf unserem Olivenhain in einem modernen Niedrigenergiehaus mit einem autarkem Versorgungssystem. Unseren Strom erzeugen wir über Solarenergie, was allerbestens funktioniert. Das einzige echte Problem war bis vor kurzem ein schneller Internetzugang. Denn ich lebe hier zwar recht abgeschieden und ruhig auf diesem friedlichen Hain, will aber keinen Anachronismus betreiben. Als deutschsprachige Autorin in Spanien ist das Internet für mich total wichtig. Und so verbringe ich die Wochentage in meinem Büro, wie es viele überall auf der Welt tun. Allerdings mache ich morgens und abends einen grossen Spaziergang mit den Hunden. Wir stapfen dann durch Pinienwälder, trockene Bachbetten und über Olivenhaine und meist begegnet uns dabei niemand. Das ist pure Erholung! Um unsere wunderschönen alten Olivenbäume und das Land kümmern wir uns, wann immer es geht. Das ist zwar unheimlich anstrengend, macht aber auch echten Spass. In der Küche haben wir dafür dann unser eigenes Olivenöl.“

Avameo:

Wau, interessant! Das ist ja jenseits von reizüberfultenden Medien entfernt und ziemlich weit weg vom Web.3D. Wie passt das für Dich zusammen? Viele Menschen haben schließlich Angst davor, das Web.3D könnte ähnlich einer Matrix-Analogie Teile unseres natürlichen Lebens ersetzen, anstatt zu ergänzen.

Du lebst also in der sogenannten realen Natur pur, Du gehst aus deinem Haus heraus, stehst auf der Finca und kannst Olivenbäume anfassen, hören, sehen, schmecken und riechen. Auf der anderen Seite haben wir uns letzten Samstag zusammen die virtuelle Welt von Westaflex angeschaut. In einem virtuellen Unterwasserboot haben wir uns virtuelle Fische und Korallen angeschaut. Was denkst Du darüber, was fühlst Du dabei? Ist das Ganze Quatsch, Blödsinn oder Kunst? Oder ist die Angst vieler Menschen tatsächlich berechtigt?

Stephanie:

„Ich weiss nicht, welche Angst du jetzt genau meinst, aber ich halte Angst generell nicht für berechtigt. Angst ist gänzlich destruktiv und wird heutzutage von den Medien dazu benutzt, uns als Menschen quasi ausser Gefecht zu setzen. Ein Tier, zum Beispiel, ist wie gelähmt, wenn es Angst verspürt. Und das ist dann genau der Moment, den der Feind nutzt, um es zu reissen. Für unser Leben hat die Angst nur einen Sinn: wir reifen daran, wenn wir sie überwinden. Vor dem Unbekannten haben wir im allgemeinen immer Angst. Das, was dagegen hilft, ist der Kontakt mit dem, was uns Angst macht. Insofern kann ich allen, die dem SL ängstlich begegnen, nur raten, einfach mit zu machen; das virtuelle Zweitleben kennen zu lernen und sich ein Bild von der Berechtigung dieser Ängste zu verschaffen.

Das Second Life® hat als erster Anbieter eine virtuelle weltweite Community bereitgestellt und damit im Prinzip das kreiert, was wir jetzt Web3D nennen. Und ob das jetzt Quatsch oder Blödsinn oder Kunst ist, spielt im Grunde keine Rolle, denn der Erfolg, oder die Nachfrage von SL spricht eine sehr deutliche Sprache: Es gibt eine nicht unbeachtliche Fangemeinde dieser Zweitwelt. Und mittlerweile gibt es auch schon erste Konkurrenten für LindenLab. Es werden also weitere Zweitwelten nachgefragt oder zumindest angeboten. Den Unkenrufern des SL sei also gesagt: Selbst wenn ihr es schafft, LindenLab totzuwettern, ist das Thema damit noch lange nicht vom Tisch. Das Thema „Virtuelle Welten“ und ein damit verbundenes Zweit-, Dritt- oder Viertleben haben wir sozusagen am Hals. Genauso, wie unsere Urgrosseltern das Automobil am Hals hatten, dann das Telefon, den Computer und so fort. Und immer war alles schlecht. Und dann irgendwann hat es doch jeder benutzt. Und dann dauerte es auch nicht mehr lange, bis man es wirklich brauchte. Und irgendwann konnte man es dann auch wirklich richtig benutzten.

Jetzt zu unserem Ausflug in die Welt von Westaflex. Danach bin ich mit den Hunden spazieren gegangen. Irgendwann, während ich so vor mich hintrottete, tauchte bei mir die Frage auf, ob in unserem Haus eigentlich auch Westaflex-Rohre verlegt wurden. Den Namen habe ich jetzt gespeichert. Ich war ja schliesslich in deren Welt. Ich habe dort etwas erlebt. Da ist markennamentechnisch bei mir etwas hängen geblieben, was zig Anzeigen nicht geschafft hätten. Und schon mal gar nicht hätten sie es hier raus auf die Finca geschafft. Westaflex hat mich hier im spanischen Nirgendwo erreicht. Durch das Second Life®. Das ist doch völlig fantastisch!

In den neunziger Jahren wurde unheimlich viel von Vernetzung geredet. Aber irgendwie wusste man damals gar nichts Richtiges damit anzufangen. Mittlerweile haben wir das Web2.0 oder das Web3D, und stehen doch erst noch ganz am Anfang, unsere neuen Werkzeuge wirklich zu beherrschen. So schnell geht das alles eben nicht. Für mich steht die virtuelle Welt nicht im Kontrast zu meiner wirklichen – sie ist im Gegenteil eine wunderbare Ergänzung zu meinem RL auf der abgeschiedenen Finca.“

Avameo:

Die neue Qualität des „Erlebens“ in virtuellen Welten durch die Immersion ist auch immer wieder ein Punkt in meinen Vorträgen. Ich merke nur leider immer wieder, dass das was man dabei erfährt, nicht in Worte zu fassen ist. Deshalb bleibt wirklich nur dein Rat: es einfach selbst auszuprobieren. Denn nur so ist das Eintauchen in virtuelle Welten tatsächlich nach-erlebbar. Hier schließt sich mir eine weitere Frage an. Das Eintauchen erleben wir ja auch in sehr guten Filmen. Für mich ist es schon Kunst, eine Dramaturgie mit Bild, Ton, Schnitt und allem drum und dran so aufzubereiten, dass es den Betrachter förmlich in das Geschehen mit hinein reißt, sodaß Tränen fließen. Wenn wir das „Eintauchen“ in den Film auf virtuelle Welten übertragen und den mehr oder weniger passiven Aspekt des Filmzuschauers mit Interaktivität des Menschen hinter seinem Avatar ersetzen, was denkst Du, könnte dabei herauskommen. Ist es nicht so, dass das Buch mehr Interpretationsfreiraum und Fantasie zulässt als der Film? Wie ist dann der Unterschied zwischen Film zu virtueller Welt zu beschreiben, bezüglich der Fantasie, des Interpretationsspielraumes und der individuellen, subjektiven Konstruktion von Wirklichkeiten?

Stephanie:

Bis heute besteht ein Buch, wenn es sich um eine Erzählung oder einen Roman handelt, allein aus Worten. Es fehlen die Bilder dazu, die Geräusche, die Gerüche. Gute Autoren und Autorinnen schaffen es, genau dies beim Leser entstehen zu lassen. Allerdings habe ich bisher nur bei einem einzigen Roman wirklich geheult. Er heisst „Im Kinderzimmer“ und ist von Frances Fyfield. Im fiktionalen Bereich nur mit Worten so tief zu berühren ist ziemlich schwierig.

Dagegen könnte ich etliche Filme aufzählen, bei denen ich heulen muss, wie ein Schlosshund. Denn im Film sind es nicht nur die Worte, die den Zuschauer bewegen, sondern es ist eben die gesamte Dramatik, die Du ja auch schon angesprochen hast. Da multiplizliert sich eine traurige Situation mit den darstellerischen Fähigkeiten des Schauspielers, der ausgewählten Musik und dem gesamten Szenenbild. Da ich als Zuschauer also auf mehreren Gefühlsebenen angesprochen werde, kommt es auch zu einer höheren Anteilnahme und somit zu stärkeren Reaktionen. Allerdings bin ich auf Gedeih und Verderb dem Regisseur ausgeliefert, und habe keinerlei Einfluss auf den Film als Endprodukt.

In der virtuellen Welt ändert sich das. Ich werde zum Akteur. Ich kann die Situation, das Erscheinungsbild, die Geräuschkulisse oder die Musik wechseln, beziehungsweise auswählen, oder sogar selbst kreieren. Ich werde also vom passiven Zuschauer zum handelnden und gestaltenden Teilnehmer, womit wir bei dem Begriff Immersion ankommen. Ich vermute, ich kann in der virtuellen Welt eine ganze Menge über mich selbst erfahren. Über dieses Selbst in mir, das ich im wirklichen Leben verstecke, weil ich das so gelernt habe. Mein Zweitleben ist wie ein riesiger Campo für Persönlichkeitsexperimente, und die Resultate können dann durchaus eine Relevanz für mein reales Leben haben.

Avameo:

Ich bin ebenfalls der Überzeugung, dass sich durch den hohen Anteil des Handelns und des Mitgestaltens in einer virtuellen Welt das Selbst darin stark wiederspiegelt und dies wiederrum Auswirkungen aus das reale, physische Leben rückkoppelt. Liebe Stephanie, vielen Dank für das spannende und aufschlussreiche Gespräch. Wir dürfen gespannt sein auf deine kommenden SL-Berichte hier auf Avameo. Ich freue mich schon jetzt mehr von Dir, Deinem Leben auf der Finca und von Pia Piaggio zu erfahren.

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